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    Lust auf Laster

    Von Dorothee Baer-Bogenschütz

    12 February 2004 - Wo die Luft flirrt, die Pferde wild und die Männer Kumpels sind: Unterwegs mit zwei Truckern von Perth an die Spitze Westaustraliens

    Seit dem Morgen haben Danny und Graham geschuftet. Sie sind mit Gabelstaplern über den Hof von Nexus Freight gefahren, haben palettenweise Fracht verstaut. Die Spedition sitzt im Industriegebiet von Perth. Es ist Montag. Wie jede Woche geht es abends mit dem road train, wie sie hierzulande die endlos langen Laster nennen, hinauf in den Norden. Bis in die Kimberley-Region an der Spitze Westaustraliens sind es mehr als 3000 Kilometer. Mit drei Anhängern ziehen die Trucker hinaus in die Nacht. Auf dem Great Northern Highway mit seinen Schlaglöchern spedieren sie schwere Last in entlegenste Orte. Ihr Boss, der die beiden Kimberley-Kuriere kurz D&G nennt, findet das lustig: »Nexus transportiert alles, was keine Beine hat zum Weglaufen.« Foodland Cold Store und Smith’s Snackfoods heißen die Auftraggeber, die an Aboriginal Communities, Minendörfer und Touristen-Spots Getränke und Tiefkühlkost liefern, aber auch Frühstücksflocken oder Seife. Und noch etwas ist an Bord: ein Jeep für Kununurra, den Zielort der Tour.

    Was für eine verrückte Idee, als Frau mit Truckies durch Ödland zu gurken, feixen die Fernfahrer. Darauf komme nur jemand, dem daheim das Dach auf den Kopf fällt. Ins Revier wildfremder Männer einzudringen, das kann schließlich zu komischen Situationen führen. Beginnt die Intimsphäre auf den wenigen Quadratmetern schon mit dem Schuheausziehen oder erst beim Nachtgebet? Hat so ein Truck eine Toilette? Und über was unterhält man sich bloß die liebe lange Zeit?

    D&G machen untereinander nicht mehr viele Worte. Sie sind seit 15 Jahren ein Team und höchstens mal mit einem dritten Mann unterwegs. Auf Trip 5724 aber werden sie das Fahrerhaus mit bescheidener Innenhöhe und ohne bemerkenswerte Wohnlichkeit mit einer fremden Frau teilen. Ein Glück, sie ist kein »big fat German frollein«, vielmehr kabinenkompatibel und gleichfalls überrascht. Die Burschen, denen sie ihr Leben anvertraut, sind Charakterköpfe. Graham, dunkelhaarig, baumstark und doch sensitiv – ganz der Cowboytyp, der für das Gute im Sattel sitzt. Danny dagegen: blond und ein wenig reserviert, gesegnet mit Mutterwitz. Bewaffnet mit Akubras, so robusten wie kleidsamen Aussie-Hüten gegen die sengende Sonne, sehen die zwei der Brüllhitze des Outbacks ins Gesicht. Jahrein, jahraus.

    Graham löst die Handbremse. Er steuert an diesem Montag als Erster in die finstere Nacht. Bald lässt der Lastzug das zivile Leben hinter sich und legt in den Weiten des Westens einen Zahn zu. Die Dauervibration beruhigt die Fahrer, völlige Ruhe würde sie nervös machen. Auch die Innengeräusche gehören für sie dazu. Die Dame ignoriert das Gedröhn. Sie blickt angestrengt in die Dunkelheit. Westaustralien überwältigt Einsamkeitsenthusiasten. So groß wie das westliche Europa, doch gerade mal besiedelt von zwei Millionen Menschen ist der Bundesstaat. Der Rest ist Wüstenreich. Während Graham Gas gibt, wurstelt sich Danny in den fliederfarbenen Schlafsack auf der Pritsche, gerade breit genug für eine stämmige Person. Wenn er aufwacht, wird sich Graham zwischen den Sitzen nach hinten durchzwängen. Die Asphaltcowboys praktizieren ein kompromissloses Schlafmanagement. Einer schläft immer. Wann sich der Fahrgast wohl aufs Ohr hauen darf?

    Zügig durchmisst der Lkw, ein Mack Titan, die Region Swan Valley, knappe 100 Kilometer nordöstlich von Perth. Edler Wein gedeiht hier, und gleich hinter den Rebhängen macht sich der Weizengürtel breit. Die Trucker halten für Proviant an Ginger’s Roadhouse, kauen Fish und Chips im Gehen, spülen mit kaltem Kakao nach und machen wieder Dampf. On the road again, tönt es durch das Fahrerhaus.

    Graham fuchtelt mit dem Raumspray: »Das befreit die Nase«

    Inzwischen sind wir in den Heartlands. Geistereukalypten ziehen vorbei. Ihre Blätter schimmern silbrig bis blau. Kreidig erscheinen die Stämme im Scheinwerferlicht. Motten platzen gegen die Scheibe der Zugmaschine, überraschend erhellen die Lichter einer Siedlung das Fahrerhaus. »Gleich erreichen wir New Norcia, dort leben Mönche«, sagt Graham. 1846 wurde das Klosterdorf von den eingewanderten Benediktinern Salvado und Serra gegründet, heute steht es unter Denkmalschutz, fährt der Fahrer fort, als plötzlich jemand durchs Funkgerät flucht. »Rodney ist hinter uns, sein Feuerlöscher ist explodiert, und er versinkt im Löschschaum.« Graham grinst. Man kennt und neckt sich, steht sich jedoch hundertprozentig zur Seite, auch wenn man für konkurrierende Unternehmen arbeitet. Sein Pech kleidet Rodney später an einem Truckstopp in beeindruckende Gesten, doch nach wenigen Minuten schrumpft es zur Lappalie. Rodney trägt Goldkettchen, Muscle-Shirt, sein Brusthaar zur Schau und das Herz auf der Zunge. Er fährt für Toll West. Die Firma ist die Nummer eins im Speditionsgewerbe von Westaustralien, der Goliath. Nexus ist David. Doch auf der Straße sind alle gleich: Pfundskerle, auf die man sich verlassen kann.

    Drei Stunden nördlich von Perth beginnt der Mittlere Westen. Graham ist hundemüde. Er fuchtelt noch mit seinem Raumspray herum (»Das befreit die Nase«) und haut sich aufs Ohr. Der Mack Titan hat keine Großraumkabine, im Fahrerhaus wird es leicht muffig. Jeder Millimeter ist genutzt: Die Haarbürste flankiert das Handy, zwischen Fahrer- und Beifahrersitz klemmen Kühlbox und Dreckeimer, überm Drehzahlmesser schüttelt es ein rosa Stoffhäschen durch. Von Hochbett, Mikrowelle oder Fernseher können D&G im Gegensatz zu Kollegen mit nobler ausgestatteten Straßen-Zügen nur träumen. Graham ist in Gedanken indes mehr bei seiner Familie. Am liebsten erzählt er von den Enkeln und seinem Garten in Perth. Warum man sich als Familienmensch auf große Fahrt begibt? »Wir machen das, weil wir gutes Geld verdienen und alles geben für unsere Freiheit.« Danny, kinderlos, findet, dass man als Trucker prima nachdenken kann. »Da wird dir der ganze Wahnsinn klar, im Irak und so.«

    Die erste Nacht mündet in einen biblischen Morgen. Blassgrüne Polster aus Spinifex-Gras erstrecken sich bis zum Horizont, kein Mensch weit und breit. Vielfältiger und noch grüner wird die Vegetation hinter Newman, einem Nest am Rande des Karijini-Nationalparks. Er umfasst 6000 Quadratkilometer Berg- und Tallandschaft, Hochebenen und Wasserfälle. In der Ferne liegt die Hamersley Range – 1861 von einem Engländer für die Weißen entdeckt – mit ihren klaffenden Schluchten. Später taucht ein Gebirgszug auf, der Mount Nameless bringt es auf 1000 Meter. Jenseits davon wirkt die Landschaft nahezu lieblich. Himmel und Erde gehen weich ineinander über, die Luft flirrt. Die Grüntöne reichen von Smaragd bis Türkis, die Straße schlängelt sich durch krebsrotes Terrain.

    Neben uns tropischer Sandstrand. Im Truckstopp duschen geht schneller

    Zahlreiche Schilder warnen vorm »straying stock«. Streunendes Vieh kann Truckern gefährlich werden, trotz des Auffanggrills für kollidierende Tiere am Bug des Lasters. Es ist später Nachmittag. Die Luft wird immer trockner. Graham streckt den Kopf aus der Schlafkoje. Aus der Eisbox wandert eine Dose Limo nach hinten. »Schau mal, Brumbies«, sagt Danny und strahlt dabei, als hätte er die australischen Wildpferde, die sich urplötzlich ins Sichtfeld schieben, selbst erfunden. Elvis wünscht Good Rockin’ Tonight, und am Horizont raucht Port Hedland, eine Industriestadt, reich an Eisenerz. Zeit fürs Zähneputzen und eine Dusche im Truckstopp. Der Tag war lang. Bei Kilometer 1839,7 brauchen Graham und Danny ein Steak. Ist noch Zeit für einen Kaffee? »Los jetzt«, drängt Graham, »one for the road.« Der 80 Meilen-Strand, wunderschön soll er sein, bleibt links liegen.

    Den nächsten Halt erlaubt erst das Nexus-Depot in Broome. 5.30 Uhr, ein neuer Tag. Staub dringt ins Auge, Sturm kommt auf. Ein Zyklon? Keine Seltenheit in dieser Ecke. »Wir laden aus«, kommandiert Graham. Paletten werden umgeschichtet, Anhänger neu kombiniert. Blitzschnell putzen die Männer mit den Gabelstaplern die Ladeflächen leer. »Was täten die Kimberley-Distributors ohne unsere Pasta Napoli Style?«, fragt Danny. Auch um Kuhmilch und Kartoffelchips wird der Truck erleichtert, McDonald’s erwartet Hähnchenteile. Während das Nexus-Team springt, scheint das Seebad Broome in den Kimberleys erst langsam zu erwachen. Am Cable Beach – 22 Kilometer fürstlicher Sandstrand! – sticht jemand Sonnenschirme in die Dünen. Ein anderer zählt Bratwürste. Sein Name ist Jochen, ein junger Koch aus Aschaffenburg, der auf dem Sonntagsmarkt verkauft. Warum er ausgewandert ist? »Broome mit seinem extremen Tidenhub ist magisch.«

    Graham macht bereits wieder Tempo. Wer mit Truckern fährt, wird zum Straßenkind. Schon ist Broome Geschichte. Am Wegrand stehen Baobab-Bäume. Graham zischt ein Diet Coke. Sonst geschieht nichts. Erst Stunden später naht ein Fahrzeug. »Easy living« steht auf der Fahrertür des Pick-ups, eine Firmenreklame. »Leicht ist das Leben in dieser Region aber nicht für jeden«, sagt Danny und zieht den Hut tiefer in die Stirn. »Du wirst es gleich sehen.« An diesem Mittag wird Bayulu beliefert. »Das ist ein Aborigine-Dorf, nur den Supermarkt leitet eine weiße Lady.« Sie heißt Raels, ist bildhübsch, schlank, alterslos, hat grüne Augen und hält Siesta. Nach der Trennung von ihrem weißen Ehemann wurden die Ureinwohner ihre Familie. Im Halbschatten sitzt sie vor ihrem Laden auf einem Campingstuhl, glaubt fest an ihren Platz in der Welt und deutet auf ein Wellblechgebäude. »Bayulu hat eine Kirche bekommen«, sagt sie, »das ist sie.« Raels ist die einzige Weiße hier. Sie kann sich nichts anderes vorstellen als das abgeschiedene Dasein im kulturfernen Raum. »Hier bin ich daheim.«

    648 Kilometer bis Kununurra. Vom Band gurrt Slim Dusty. Der Country-Barde von Down under. Kein anderer erfasst mit solch trotziger Mischung aus Sentiment und Pragmatismus die große Freiheit unterm Kreuz des Südens und den Mut der mates, jener Kumpel, ohne die im Outback gar nichts geht. »Zu Graham sage ich aber nicht mate, sondern chappy«, kommentiert Danny, »das ist ein Exklusivausdruck für Männerfreundschaft.«

    Mitternacht: Die Trucker erreichen die Tanami Desert. Wahre Wüste. Doch in Halls Creek, Ausgangspunkt touristischer Exkursionen, sitzt keiner auf dem Trocknen. Nexus hat kräftig geladen. Das Kimberley Hotel erhält Shiraz Cabernet und Victoria Bitterbier. Als Graham den Titan erneut startet, jaulen eine Straßenecke weiter Lkw-Bremsen wie tausend Dingos. Madonna, da winkt ja die Legende der Landstraße. Rodney taucht auf aus dem Nichts. Er ist auf dem Rückweg nach Perth. »Kann eure Frau jetzt nicht mal mit mir fahren?«, blökt er herüber, als die beiden »Straßenzüge« mit höllischem Quietschgeräusch nebeneinander stoppen. »Die haben wir adoptiert«. Graham frotzelt durchs offene Fenster. Sein Gast macht keinen Mucks. Längst liegt die deutsche mate – auch Frauen bekommen kumpelhaft dieses Etikett verpasst – neben Danny in der Schlafkoje und dreht den Kopf zur Seite, damit seine Füße Platz haben. Die zwei sind mittlerweile buchstäblich ein Dreamteam. Doch: Nur noch eine Nacht und einen Morgen dauert es bis Kununurra. Dort werden Mangos für Perth geladen. Wie süß kann doch die Terra Australis sein. Jetzt, wo das Frollein aus dem goldenen Westen wieder wegmuss, verspürt sie eins immer stärker: Lust auf Laster. Beim Abschied rollt noch etwas. Tränen.

    Information

    Anreise: Neben Qantas oder Lufthansa landen zahlreiche asiatische Fluggesellschaften in Perth oder auch die Royal Brunei Airlines

    Veranstalter: Wer bei Nexus einsteigen möchte (nur Einzelreisende), bekommt Auskunft unter Nexus Management, PO Box 41, Bentley, WA, 6892, Australien. Der Preis im Truck von Perth nach Kununurra beträgt 1000 australische Dollar (AUD), zirka 583 Euro

    Organisierte Reisen: Meier’s Weltreisen bietet eine elftägige Geländewagenreise: »Western Explorer«, von Perth nach Broome in kleiner Gruppe (ab 1919 Euro). Umfangreich ist das Australienprogramm bei Dertour. Buchbar sind dort auch eine Reihe von Selbstfahrertouren, etwa von Perth zum Kalbarri Nationalpark (7 Tage ab 246 Euro pro Person zuzüglich Mietwagen)

    Unterkunft: In Perth das Hyatt Regency (Tel. 0061-8/92251234, Fax 93258899 www.perth.hyatt.com), Zimmer ab 160 AUD (etwa 93 Euro) oder das zentral gelegene Rydges Hotel (Tel. 0061-8/92631800, Fax 92631801, www.rydges.com/perth) ab 152 AUD (89 Euro). In Broome empfiehlt sich das Seashells Resort (Tel. 0061-8/91926111, Fax 91926166, www.seashells.com.au), Zimmer ab 170 AUD. Strandnah liegt das Cable Beach Backpackers (www.cablebeachbackpackers.com) mit Mini-Pool ab 19 AUD. In Kununurra ist das Country Club Hotel (0061-8/91681024, Fax 91681189, www.countryclubhotel.com.au) die erste Adresse, Zimmer ab 130 AUD

    Literatur: Die beste Gesamtübersicht gibt der soeben komplett überarbeitete Baedeker »Australien« von Marc Kemmler, Mairs Geographischer Verlag, Ostfildern 2003, 622 Seiten, 29,95 Euro. Humorvolle und informative Reiseberichte in »Frühstück mit Kängurus« von Bill Bryson; aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier; Goldmann Verlag, München 2002, Taschenbuch, 416 Seiten, 9,90 Euro. Einen vorzüglichen Einblick in die Flora geben zwei Publikationen des Frankfurter Palmengartens von Dieter Lüpnitz, 108 und 120 Seiten, jeweils 8,– Euro

    Auskunft: Western Australian Tourism Commission, Franziskanerstraße 15/II, 81699 München, Tel. 089/44119581, Fax 44119582, www.westernaustralia.net

    Source: Die Zeit


    Further information: european language index
     


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