key indigenous australian issues
| home | news lAustralien: Wut und Verzweiflung in RedfernVon Michael Lenz, Sydney
Die Polizei dementiert: Zwar habe wegen einer Reihe kleinerer Delikte wie Ladendiebstahl ein Haftbefehl gegen den Jungen vorgelegen, jedoch sei Hickey an jenem Sonntagabend nicht das Ziel der polizeilichen Aufmerksamkeit gewesen, versicherte ein Sprecher des Polizeidistrikts Redfern. Die Nachricht von Hickeys Tod löste die schwersten Rassenunruhen seit über zehn Jahren in der australischen Metropole aus. Ganze Straßenzüge in Redfern waren Sonntagnacht vor zwei Wochen blockiert, Barrikaden brannten, Steine flogen, über vierzig Polizisten wurden verletzt. Für Schwester Maureen Flood, Mitarbeiterin der »Aboriginal Catholic Ministry« (ACM) in Redfern, war der Aufstand nur der »Ausdruck berechtigten Zorns« der Aborigines wegen ihrer andauernden Unterdrückung. »Es ist kein Wunder, dass sie wütend und verbittert werden und letztendlich zu Drogen und Alkohol greifen«, sagte sie und fügte hinzu: »Das kann jederzeit wieder passieren.« Der »Block« steht für den Niedergang Thomas TJ Hickey lebte bei Verwandten in einem als »Der Block« bekannten Viertel Redferns. »Der Block« steht für Niedergang, Hoffnungslosigkeit und andauernde Unterdrückung. Drogen, Alkohol, häusliche Gewalt, Vergewaltigungen bestimmen den Alltag der Menschen im »Block« ebenso wie Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Not. In Redfern leben 2000 Aboriginefamilien in Sozialwohnungen, und 95 Prozent dieser Menschen müssen sich mit Sozialhilfe über Wasser halten. Das war nicht immer so. Anfang der 70er Jahre kaufte die damalige sozialdemokratische Regierung Australiens unter Premier Gough Whitlam das Viertel und übergab es den Aborigines zur Selbstverwaltung. Unter Australiens Ureinwohnern herrschte Aufbruchstimmung. »Der Block« war sichtbares Zeichen des Endes der seit Anfang des 20.Jahrhundert geltenden »Australien-nur-für-Weiße«-Politik, die ihre grausamste Ausprägung in dem Schicksal der »Gestohlenen Generation« gefunden hatte. Von Anfang des 20.Jahrhunderts an waren Aboriginekinder ihren Eltern von der Polizei weggenommen worden, um sie in Missionsschulen zu weißen und christlichen Werten zu erziehen und jede Erinnerung an die eigene Kultur und Sprache auszumerzen. Ein weiterer Funken der Hoffnung glühte auf durch die historische Rede des ehemaligen sozialdemokratischen Premiers Paul Keating 1992 in Redfern. »Wir haben den Ureinwohnern ihr traditionelles Land weggenommen und ihren traditionellen Lebensstil zerstört. Wir haben Krankheiten und Alkohol gebracht. Wir haben Morde begangen. Wir haben Müttern die Kinder weggenommen. Wir haben diskriminiert und ausgegrenzt.« Pater Ted Kennedy, legendärer Gründer der ACM in Redfern, erinnert sich in seinem Buch »Who is Worthy?« an diesen Besuch: »Den Aborigines standen die Tränen in den Augen. Keiner von ihnen hat jemals geglaubt, das jemals von einem australischen Premierminister zu hören.« Australiens derzeitiger Premier John Howard, konservativer Nachfolger von Paul Keating, verweigert jedoch mit dem Hinweis auf die Gnade der späten Geburt die Erfüllung einer der zentralen Forderungen der Aborigenes: eine offizielle Entschuldigung der australischen Regierung für den »kulturellen Völkermord« an der »Gestohlenen Generation«. »Durch die Verweigerung des Wortes Sorry sendet Howard das Signal, dass die Diskriminierung von Aborigines in Ordnung ist«, kritisiert die 65-jährige Marty Morrisson, eine der wenigen weißen Teilnehmer im Trauermarsch für TJ Hickey, der am Dienstag unter scharfer Polizeibewachung durch Redfern zog. Das Dröhnen der Polizeihubschrauber machte die Reden und Gebete an dem mit Blumen, Gedichten und traditionellen Aboriginalsymbolen bedeckten Todeszaun fast unhörbar. Der sozialdemokratische Oppositionsführer Mark Latham wies nach den Rassenunruhen von Redfern den Familien die Schuld für die Gewaltbereitschaft ihrer Sprösslinge zu. »Die Eltern haben in der Erziehung versagt«, so Latham. »Welche Eltern?« fragt traurig Jenny Munro, eine der angesehensten Führungspersönlichkeiten der Aborigines von Redfern. Die meisten der Eltern und Großeltern der Jugendlichen hätten als Angehörige der »Gestohlenen Generation« kaum positive Rollenvorbilder für eine Elternschaft gehabt. Zumal auch heute noch Polizei und Justiz schuld daran seien, dass Aborigines überproportional verhaftet und zu Gefängnis verurteilt würden. »Fast jeder schwarze Vater hier ist im Gefängnis. Das ist traurig«, sagt Munro. Die Volkszählung von 2001 hat ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Aborigine zu Gefängnis verurteilt zu werden 15 Mal höher liegt als für nicht-eingeborene Australier. Eileen lebt im »Block«. Eileen ist zornig, Eileen ist verbittert, Eileen ist arbeitslos, Eileen ist Mutter eines drei Wochen alten Jungen. Eileen geht in dem Trauermarsch mit und hält trotzig ein Schild hoch mit der Forderung »Gerechtigkeit für TJ Schluss mit Rassismus«. Auf die Frage, ob sie glaube, dass ihr Sohn mehr Chancen in seinem Leben haben werde, sagt die 22-Jährige leise: »Ich hoffe es.« Mit mehr Kraft in der Stimme betont Eileen: »Wenn sich diese Hoffnung nicht bewahrheitet und mein Sohn eines Tages gegen seine Unterdrückung auf der Straße kämpfen muss, dann hat er meine volle Unterstützung.« Für Eileen ist es nicht nur ein Problem, dass in Redfern 52 Prozent und im Nachbarviertel Waterloo gar 69 Prozent der jungen Aborigines ohne Job sind. Der Gesundheitszustand der Aborigines liegt auf dem Niveau von Drittweltländern, und die Lebenserwartung ist geringer als in Bangladesch. Aber eines der größten Probleme für Eileen liegt im Alltag. Sie traue sich nicht, »in die Stadt« zu gehen, wie Eileen die nur eine S-Bahnstation von Redfern entfernt liegende glitzernde City von Sydney nennt. Ihre Erfahrung in »der Stadt« ist geprägt von Misstrauen. »Die Whitefellas schauen uns immer so an, als ob wir da nicht hingehörten«, sagt Eileen. Ohne dass Eileen es jemals wissen wird, stimmt Michael Kirby, Richter am Obersten Gericht Australiens, ihr zu. »Ein Weißer wird nicht als mutmaßlicher Dieb angesehen, wenn er mit einer Kreditkarte zahlt. Wohl aber ein Aborigine. Ein Weißer wird nicht automatisch für einen Alkoholiker gehalten, wenn er in die Kneipe geht. Wohl aber ein Aborigine«, sagte Kirby am Vorabend des Trauermarsches für Hickey. in seiner Rede anlässlich der Vorstellung eines Buches der Aborigineexpertin Gillian Cowlishaw über einen Aufstand von Aborigines vor 15 Jahren in Bourke. Die Keimzeile der Aboriginebewegung 400000 der 20 Millionen Australier sind Aborigines, und 70 Prozent davon leben in urbanen Ballungszentren, von denen Redfern das größte ist. In Redfern wurden das erste Gesundheitszentrum und die erste Rechtshilfeorganisation für Aborigines gegründet. Redfern war die Keimzelle der Gleichberechtigungsbewegung des schwarzen Australien, und vor der weißen Besiedlung war das heutige Elendsviertel das Zentrum des Stammes der Gadigal. »Redfern ist der Spiegel des Australiens der Ureinwohner und Der Block das Zentrum unseres Kosmos«, findet Ray Minniecon, Direktor der anglikanischen »Crossroads Aboriginal Ministries Redfern«. »Wir müssen unsere Probleme selbst in die Hand nehmen und den Kreis von Hoffnungslosigkeit, Misstrauen und Selbstaufgabe durchbrechen«, fordert der radikale Geistliche. Minniecon und mit ihm viele andere Führer der Aborigines sind sich bewusst, dass sie weder von Landes- und Bundesregierung, noch von dem Selbstverwaltungsorgan »Aboriginal and Torres Strait Islander Commission« (ATSIC) wirkliche politische Unterstützung zu erwarten haben. Die von der Regierung abhängige ATSIC liegt in Trümmern, seitdem eine Reihe ihrer Spitzenfunktionäre sich wegen Vergewaltigungsvorwürfen vor Gericht verantworten muss. Der sozialdemokratische Ministerpräsident des Bundeslandes, Bob Carr, scheint sich der Bulldozer-Politik verschrieben zu haben. Auch wenn er diese vornehm umschreibt mit Aussagen wie Redfern müsse eine »Verlängerung der City« werden. »Wir sollen ein weiteres Mal vertrieben werden«, befürchtet Kevin Smith, Sprecher des »Block«. »TJ hatte 17 Jahre. Wir haben den Rest unseres Lebens, um TJ zu gedenken und gegen Rassismus zu kämpfen«, sagt mit Nachdruck Jack Morgan, ein Vetter von TJ. Morgan sitzt seit 23 Jahren im Rollstuhl als Folge eines Unfalls mit dem Motorrad, auf dem er der Polizei entkommen wollte. Source: Neues Deutschland (Germany)
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