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    Long walk home

    Joachim Gaertner  

    4 May 2003 - Die geraubte Generation und wie aus einem der dunkelsten Kapitel der australischen Geschichte ein Filmepos wurde

    rabbit proof fence premier
    Premier von 'Rabbit-Proof Fence' bei Jigalong
    Der Film

    Jigalong, Westaustralien, 1931: Wie Tausende Mischlings-Kinder werden auch die 14-jährige Molly Craig, ihre sechs Jahre jüngere Schwester Daisy und ihre zehnjährige Cousine Gracie gewaltsam von ihren Aborigine-Müttern getrennt und in das 1.500 Meilen entfernte Erziehungsheim Moore River verschleppt. Dort sollen sie "für ein neues Leben in einer weißen Gesellschaft vorbereitet werden" und eine Ausbildung als Hausangestellte, Dienstboten, Lager- und Farmarbeiter erhalten. Obwohl Ausreißer schwer bestraft werden, beschließt Molly, mit den beiden anderen Mädchen die Flucht zu wagen. Zur Orientierung in den endlosen Weiten Australiens dient allein ein Zaun, der als Schutz vor der Kaninchenplage den gesamten Kontinent von Norden nach Süden durchläuft - der "Rabbit-Proof Fence".

    Das Verschwinden der Mädchen bleibt nicht lange unbemerkt. Mit einer großen Suchaktion sollen sie aufgespürt werden. Doch Molly gelingt es immer wieder, die Verfolger mit Finten und Tricks abzuhängen. Nachdem Gracie von einem Landarbeiter in eine Falle gelockt worden ist, setzen die beiden Schwestern ihren Weg allein fort. Und tatsächlich schaffen sie das fast Unmögliche: Sie durchqueren die Wüste und erreichen nach mehr als drei Monaten Jigalong.

    Die Aborigines

    Am 26. Januar 1788 gründete Arthur Phillip, Kapitän Ihrer Majestät und Kommandant der legendären First Fleet, die erste britische Niederlassung in der Bucht von Sydney Cove. Die europäischen Einwanderer nannten Australien "terra nullius" - leeres, unbewohntes Land also, das niemandem gehörte. Das aber war eine Fiktion. Seit Jahrtausenden siedelten hier Nomaden mit einer hochentwickelten Kultur: die "Aborigines". Von den weißen Siedlern wurden sie als rückständiges Volk betrachtet. Man jagte sie wie Wild, trieb sie in Reservate zusammen und versuchte, sie zu "zivilisieren". Viele wurden ermordet oder starben an eingeschleppten Krankheiten. Ende des 19. Jahrhunderts lebten von den ursprünglich rund 750.000 Ureinwohnern noch knapp 60.000. Sie wurden weiterhin in für sie reservierten Distrikten konzentriert und von der weißen Bevölkerung diskriminiert. Erst der Zweite Weltkrieg brachte eine Wende im öffentlichen Bewusstsein, hatten doch viele Aborigines als "tapfere Soldaten" in der australischen Armee gekämpft. Doch es sollte noch mehr als zwei Jahrzehnte dauern, bis sie nach einer Volksabstimmung im Jahre 1967 als australische Staatsbürger anerkannt wurden.

    Heute gibt es in Australien rund 400.000 Aborigines und Torres Strait Islanders. Das sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Schätzungsweise neun Zehntel von ihnen sind Mischlinge. Die meisten von ihnen leben in bitterer Armut. Arbeitslosigkeit und Kindersterblichkeit sind deutlich höher als bei den weißen Australiern. Fast 50 Prozent der Jugendlichen haben keinen Schulabschluss. Alkoholismus und Drogensucht sind weit verbreitet. Die Gesundheitsversorgung ist desolat. Laut Statistik ist die Lebenserwartung der Ureinwohner um 20 Jahre niedriger als die der übrigen Bevölkerung.

    "The Stolen Generation"

    Seit 1998 wird am 26. Mai in ganz Australien der "Tag des Nationalen Bedauerns" begangen. Anlass für die Einführung des Gedenktages war der Bericht über die so genannten "Stolen Generation", den eine von der linken Labour-Regierung eingesetzte Untersuchungskommission im Mai 1997 der Öffentlichkeit vorstellte - ein Jahr nach Erscheinen von Doris Pilkingtons Buch. Das 680-seitige Dokument, das inzwischen unter dem Titel "Bringing Them Home" zu einem Bestseller geworden ist, löste große Betroffenheit aus. Es schildert das Schicksal jener Aborigine- und Mischlingskinder, die ihren Familien und ihrer Kultur entrissen und gewaltsam in Heimen und bei Adoptiveltern assimiliert worden waren - eine Politik, die die weißen Australier 150 Jahre lang systematisch betrieben. Ziel dieses Vorgehens war es, den Bevölkerungsanteil der Aborigines von Generaion zu Generation zu vermindern. Zwischen 1910 und 1970 waren rund 100.000 Kinder betroffen - schätzungsweise jedes zehnte Aborigine-Kind. In manchen Jahrgängen soll es sogar jedes dritte gewesen sein.

    Obwohl die australische Regierung bereits 1997 eine Wiedergutmachung beschloss, warten bis heute viele Familien auf eine Entschädigung. Auch eine offizielle Entschuldigung wurde bisher nicht ausgesprochen.

    Buchtipps


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