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    Vom Holocaust zu den Aborigines

    Hintergrund

    Von Werner Bloch

    8 April 2001 - Was bedeutet die Analogie von Jüdischem Museum und Aboriginal Gallery? Wird hier insinuiert, wie der Architekt Howard Raggatt meint, dass die Geschichte der Juden in Berlin mit der Geschichte der Aborigines gleichgesetzt werden könne - schließlich seien ja auch die Aborigines Opfer gewesen, Opfer schlimmster kolonialer Unterdrückung.

    Daniel Libeskind schüttelt angesichts solcher Diskurse den Kopf: „Man kann ja jede Analogie aufstellen und sich von allen möglichen Verbindungen inspirieren lassen. Aber dann muss man zumindest kreativ arbeiten. Man kann sich nicht an ein bestimmtes Opfer-Thema dranhängen. In der Malerei und in der Literatur wäre dergleichen undenkbar. Ich kann doch nicht eine Seite aus einem Buch kopieren und dann meinen Namen darunter schreiben. Und wenn, dann täte man es mit Ironie und unter Anerkenntnis des Originals.“

    Selbst seinen Auftraggebern hat Howard Raggatt sein Berliner Vorbild bis zuletzt verheimlicht. Damit bringt er ein Museum in Bedrängnis, das für Australien noch eine Schlüsselrolle zu spielen hat. Denn auf dem fünften Kontinent tobt zur Zeit eine Art permanenter Historikerstreit, eine Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Volksgruppen um die Frage, wer welchen Beitrag zur Entwicklung des Landes geleistet habe und wie die rechtliche Stellung der Ureinwohner zu bewerten sei. People, Land, Nation - das sind in Australien Schlüsselworte, die gerade in diesem Jahr, da die Australische Konföderation ihren hundertsten Geburtstag feiert, in heftigen Debatten definiert werden.

    Das Nationalmuseum in Canberra als erste sozialgeschichtlich ausgerichtete Institution seiner Art soll letztlich auch zur Selbstvergewisserung der Australier vor ihrer Geschichte beitragen. Das Museum, das nach unzähligen Debatten, wechselnden Gremienbesetzungen und Entwürfen endlich eröffnet wurde, wird dabei Katalysator, Schatzkammer und Denkraum in einem sein. Es beherbergt die größte Sammlung von Aborigines-Schätzen weltweit, insgesamt 172.000 Exponate. Das Australische Nationalmuseum präsentiert Geschichte anders, mehr eine Geschichte der Australier als eine der australischen Gesellschaft. Niemand hat mehr, wie in der Vergangenheit, die alleinige Deutungshoheit über das, was in Australien geschah, bemerkt die Direktorin Dawn Casey, selbst eine Aborigine.

    So ist das Museum mehr Mission als Gebäude. Und gerade weil es ausgezeichnete Leistungen verspricht, will auch Daniel Libeskind nicht gegen die Institution vorgehen, die von den Architekten hinters Licht geführt worden ist. Raggatts Verhalten sei anstößig, bemerkt Libeskind, doch er fühle sich nicht verletzt: „Shakespeare meint: Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Die Leute werden bestimmte Fragen stellen. Sie wollen wissen, wie ein Architekt so etwas überhaupt tun kann.“ Er empfinde Sympathie für das Museum. Allerdings überrascht ihn, dass man seinen Brief noch nicht beantwortet habe: „Mich wundert, dass das Museum immer noch schweigt. Und dass sie bei der Eröffnungsfeier das Jüdische Museum nicht einmal erwähnt haben.“

    This article is from F.A.Z. Net


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