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    Wellenbrecher

    VON DIRK FUHRIG

    Stephen Page25 March 2004 - Oper, Tanz und Aborigenes-Kunst: Das Festival im australischen Adelaide brachte Inszenierungen aus aller Welt ins Städtchen

    Australien - Dschungel-Fieber und Semi-Promi-Survival-Camp. Dem Image des fünften Kontinents als Kulturnation dürfte das schlammspritzende Fernseh-Spektakel aus Brisbanes Urwald-Tälern nicht unbedingt förderlich gewesen sein. Doch jetzt hält Australien dagegen. 3000 Kilometer Luftlinie entfernt vom tropischen Queensland, wo Costa Cordalis zum König der Fernseh-Trottel wurde, fand soeben eines der größten Kulturereignisse statt, das die Welt zu bieten hat. Das "Adelaide Festival of Arts" ist alle zwei Jahre das wichtigste Treffen für Musik, Theater, Tanz und Literatur südlich des Äquators. 1200 Künstler, 250 Produktionen, viele 10 000 Besucher.

    Strandkleidung und Sonnenmilch

    Und auch in Adelaide stehen sie wieder im Rampenlicht, die Deutschen. Nicht abgehetzt und Lianen-schwingend im Dschungel, sondern auf der Bühne. Und unter wesentlich komfortableren Bedingungen: in leichter Strandkleidung, mit Sonnenmilch und kühlender Camping-Tasche. Helga und Otto tapsen als liebenswerte Touristen-Karikaturen über die schräge Spielfläche, die den Strand darstellt in dieser Aufführung der "State Opera of South Australia". Undertow heißt die "Chamber dance opera", die in einer Plastik-bestuhlten Industriehalle in den Adelaider Suburbs uraufgeführt wurde. Ein Stück über menschliche Ausgrenzungs-Mechanismen im Angesicht eines Strandlakens. Die deutschen Urlauber, eine neurotische Business-Frau, ein Hochzeitspaar und ein einsamer Koala-Bär trampeln sich auf den Füßen herum, machen sich gegenseitig den Platz an der Sonne streitig und sind auch ansonsten wenig soziabel. Kontrolliert werden sie von zwei muskelbepackten Patrouillen der Wasserwacht, die den Strand - und damit das Gehege dieser menschlichen Versuchskaninchen - je nach Gefahrenlage erweitern oder verengen. Am Ende schieben sich Haifischflossen durch den Bühnenboden.

    Undertow bezeichnet die heimtückische Unterströmung, die eine Wellenfront hervorruft. Juha Vanhakartanos Oper ist eine herrlich leichtfüßige Annäherung an Themen wie Abgrenzung und Vereinzelung, die der Regisseur und Choreograf vor dem Hintergrund der Politik einer australischen Staatsregierung beleuchtet, die in den vergangenen Jahren immer wieder durch restriktive Maßnahmen gegen Boatpeople und andere Flüchtlinge von sich reden gemacht hat. Die Idee zu dem musikalischen Kammerspiel kam Vanharkatano, als er zu Beginn der neunziger Jahre in Deutschland lebte. Die Vereinigungs-Euphorie nach dem Fall der Mauer und deren schnelles Umschlagen in erneute Abschottung in Ost und West, so der in Finnland geborene Regisseur, habe ihn zu dieser Fall-Studie am australischen Strand inspiriert. Vanhakartano lebt mittlerweile in Australien, ebenso wie die Komponistin, die dem kurzen, knappen Abend die dichte, schwebende Musik gegeben hat, eine eingängig-subtile Mischung aus jazzigen und experimentellen Elementen. Elena Kats-Chernin war an der musikalischen Gestaltung der Olympischen Spiele in Sydney beteiligt. In Deutschland, wo auch sie lange gearbeitet hat, ist sie als Komponistin von Bühnen- und Ballettmusik bekannt.

    Das "Adelaide Festival of Arts" erweckt alle zwei Jahre eine Stadt aus dem kulturellen Dornröschenschlaf. Breite Straßen im Schachbrettmuster, überwiegend ein- bis zweistöckige Häuser, die überschaubare Innenstadt eingesäumt von einem breiten Grüngürtel, hinter dem ein endloses Vorstadt-Raster beginnt. Easy going Lifestyle, Weinproduktion und -konsum sind bevorzugte Beschäftigungen. Künstlerische Talente wandern fruher oder später in die benachbarte Kultur-Metropole Melbourne ab. Der Direktor des 2002er-Festivals war der Amerikaner Peter Sellars. Der mitunter exzentrische Opern- und Theater-Regisseur hatte sich wegen seines allzu experimentellen Programms mit den von ihm als zu kleinstädtisch empfundenen Adelaidern uberworfen und nahm seinen Abschied.

    Akzente der neuen Festivalleitung

    Stephen Page, der künstlerische Leiter des diesjährigen Festivals, ging die Sache behutsamer an. Er gab den Adelaidern, was sie haben wollten, nämlich eine gute Portion repräsentativer Aufführungen mit internationalem Charakter, darunter etwa das Prager Kammerorchester, das einen umjubelten, furiosen Festival-Auftakt gestaltete.

    Gerade auf Produktionen aus Europa und den USA hält sich das seit 1960 existierende Festival seit jeher viel zu gute. Das spanische Nationalballett ist ebenso dabei wie das "Carniciera teatro" mit der bizarren Inszenierung Ich kaufte einen Spaten bei Ikea, um damit mein eigenes Grab zu schaufeln. Eine der schönsten Premieren des Festivals: Held vom "Australian Dance Theatre", eine Zusammenarbeit des erfolgreichen Ensembles mit der amerikanischen Theaterfotografin Lois Greenfield. Live auf der Bühne schießt sie Fotos von den Tänzern, die Sekunden später auf Leinwände übertragen werden.

    Eigentlich interessiere es ihn nicht sonderlich, Stücke aus aller Welt einzuladen, sagt der junge Festival-Direktor. Einiges müsse eben sein. Doch daneben hat Page eigene Akzente gesetzt. Noch nie gab es in Adelaide so viel Kunst zu sehen, die sich mit den australischen Ureinwohnern beschäftigt. Page selbst hat eine Aborigine-Herkunft. In den vergangenen dreizehn Jahren hat er sein "Bangarra Dance Theatre" zu einer der erfolgreichsten Tanztheater-Kompagnien Australiens gemacht. Page setzt auf den "spirit" und die Kraft der Körperlichkeit, die für ihn in der Kunst der Ureinwohner liegt. Body Dreaming heißt das energiegeladene Freilicht-Theaterstück über rituelle Tänze und Körperbemalung, mit dem dieser Festival-Schwerpunkt eröffnet wurde.

    Stephen Page war bereits im Vorfeld von der australischen Presse für seine Programmgestaltung gelobt worden. "Sie müssen nett zu mir sein", sagt der Festival-Direktor verschmitzt und selbstironisch, "sonst kommen die Leute von meinem Stamm mit ihren Speeren". Dieser Auftritt blieb aus, und das sicherlich nicht etwa deshalb, weil das Festival in einem ansonsten so friedlich-beschaulichen Städtchen stattfand.

    Informationen www.adelaidefestival.com.au

    Source: Frankfurter Rundschau


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